Mister Volleyball geht an die Öffentlichkeit: "Parkinson ist nicht ansteckend"

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Anwalt, Mediator und auch Volleyball-Macher aus Leidenschaft – Wolfgang Söllner ist über Dresden hinaus bekannt. Jetzt spricht er zum ersten Mal über seine schwere Krankheit. Und sagt: "Das ist für mich ein Befreiungsschlag."

Dresden. Die Füße kleben am Boden, sein Körper ist wie versteinert, kein Schritt geht mehr. Von einer Sekunde auf die nächste ist die Erstarrung da. Manchmal passiert es nachts, dann holt ihn seine Frau zurück ins Bett, manchmal verharrt er 20 Minuten vor dem Badspiegel in seiner Kanzlei. Und jetzt, als es an der Wohnungstür klingelt, geht mal wieder nichts mehr. Es sind ein paar Minuten, die vergehen. Für ihn fühlen sie sich wie eine Ewigkeit an. Dann öffnet Wolfgang Söllner die Tür und entschuldigt sich für seine Muskeln, die einfach nicht gehorchen wollen. "Ich bin gerade festgehangen", sagt er.
Die Schwere seiner Krankheit ist nicht zu übersehen – und auch nicht, wie er damit kämpft. Wolfgang Söllner, der einstige Macher nicht nur im Dresdner Volleyball, der erfolgreiche Jurist mit dem feinen Gespür für Menschen, der bis zu 95 Prozent seiner Fälle als Vergleich löst, er, der für viele väterlicher Freund und Mentor ist, er will sich nicht länger verstecken. Wenn es im Leben wie in seinem Beruf zugehen würde, gäbe es jetzt nichts mehr zu verhandeln, das Urteil wäre gefallen: Er hat Morbus Parkinson. Lebenslänglich. Gefangen im eigenen Körper. Doch abfinden mag er sich damit nicht.

Im November legt er sein letztes Amt nieder Zum ersten Mal spricht der 64-Jährige öffentlich über seine unheilbare Krankheit. "Das ist für mich ein Befreiungsschlag. Das Anstarren und Tuscheln hat jetzt hoffentlich ein Ende", sagt Wolfgang Söllner, und er gesteht: "Termine, Sitzungen, Präsentieren: Das alles fällt mir im Zuge der Erkrankung nicht mehr so leicht wie früher." Erst vor ein paar Tagen ist er zu Hause schwer gestürzt. Und wenn er Mitte November nach 13 Jahren an der Spitze des sächsischen Volleyballverbandes zurücktritt, hat Wolfgang Söllner dann auch das letzte seiner fünf Ehrenämter im Sport abgegeben. Fast ein Jahrzehnt war er Abteilungsleiter bei den Dresdner Volleyballerinnen, später auch Sprecher der 1. Bundesliga der Frauen, dazu Vizepräsident im Deutschen Volleyball-Verband und bis im vergangenen Jahr auch DSC-Präsident, also Kopf des großen Mehrspartenvereins.

Auf Krücken schlurft er nun in kleinen Schritten durch die großzügige, kunstvoll eingerichtete Loschwitzer Wohnung ins Arbeitszimmer direkt zu dem dicken Fotoalbum. Das gab es zum 50. Geburtstag vom DSC. Beim Durchblättern kommen viele Erinnerungen an seine Volleyball-Zeit hoch, und man sieht, wie er versucht zu lächeln.


Als Wolfgang Söllner, der gebürtig aus Münster stammt, 2002 die Volleyball-Abteilung beim DSC übernahm, hatte er noch nicht viel Ahnung von der Sportart. Die eigenen Ambitionen endeten in der Schule, als die Schülermannschaft gegen den Lehrer gnadenlos verloren hatte. Doch ihm half die Gabe, gut zuhören zu können, und er lernte schnell und viel. Vom Trainer-Urgestein Klaus Kaiser beispielsweise, wie der Sport funktioniert, und von der Weltklasse-Spielerin Beatrice Dömeland, wie so ein Frauenteam tickt.
Damals war der Abteilungschef oft bei Auswärtsspielen dabei und raunzte die Mannschaft nach einer Niederlage schon mal übers Busmikrofon an. Zu dieser Zeit war Arnd Ludwig der Trainer. Zwei Spieltage vor Saisonende 2009 wurde er entlassen. "Das war mein Frust. Ich wollte ein Zeichen in die Mannschaft setzen, dabei hätten wir ihn bis zum Ende noch arbeiten lassen sollen", sagt Wolfgang Söllner rückblickend. Dem "größten Fehler", wie er selbst sagt, folgte allerdings sein größter Coup: die Verpflichtung von Alexander Waibl, einem damals namenlosen Zweitliga-Trainer. Die Worte zuvor aus der Mannschaft sind ihm noch so präsent, als hätte er sie gestern gehört. "Steffi Karg meinte zu mir: Bitte, Wolfgang, hol’ jemanden, der mit uns Frauen reden kann."

Sein größter Coup ist Waibls Verpflichtung


Wolfgang Söllner, aufgewachsen mit drei Schwestern, hatte das Fingerspitzengefühl. Er wusste, worauf es den Spielerinnen ankommt, sie wollten keinen Kumpeltyp. "Und eines konnte Alex wirklich: reden!", meint Wolfgang Söllner über den Trainer: "Wie er den DSC vorher analysiert hatte, die Mentalität, das Sportsystem. Er war heiß auf den Job und hätte dafür noch Geld mitgebracht."
Wolfgang Söllner gab kurz darauf den Abteilungsvorsitz ab. Der Trainer ist immer noch in Dresden, inzwischen das 15. Jahr, und er hat hier eine Familie gegründet. Mika, der älteste der drei Waibl-Söhne, ist Söllners Patenkind. Noch bis vergangenes Jahr hat er sich mit Waibl, der auch Jurist ist, regelmäßig zum Essen getroffen. Es sind auch solche Gespräche, die dem Mann mit dem großen Herzen für den Sport fehlen. Wie sehr hat er es doch geliebt, Menschen an einen Tisch zu bringen.
Und er hat noch immer viel zu sagen, zum Spitzensport, zum Nachwuchs, selbst wenn ihm das Sprechen zunehmend schwerer fällt. Hin und wieder ist Wolfgang Söllner betrübt, dass einige im Umfeld den Kontakt abgebrochen haben. So empfindet er es jedenfalls. "Parkinson ist nicht ansteckend", sagt er bestimmt. Selbst scheute er in den vergangenen Monaten die Öffentlichkeit. Beim ersten DSC-Saisonspiel Anfang Oktober war Wolfgang Söllner mit seiner Frau mal wieder in der Halle. "Ich darf mich nicht hängenlassen", sagt er – auch zu sich selbst. Der offizielle Abschied vom Mister Volleyball im November 2022 , als er beim DSC mit Ausnahmegenehmigung des deutschen Verbandes auf der Auswechselbank Platz nehmen durfte, war hoch emotional, nicht nur für Wolfgang Söllner. Viele sahen, wie ihm die Schritte schwerfielen, doch nur wenige wussten von der Krankheit. Dass ihm überhaupt vor sechs Jahren die Diagnose gestellt wird, hat auch mit seiner Präsenz zu tun. Während einer Mitgliederversammlung kam ein Leichtathletiktrainer auf ihn zu und konfrontierte ihn mit seiner Vermutung: Ich glaube, du hast Parkinson. Es ist der Herbst 2017, als es Wolfgang Söllner noch relativ gut geht.

Schon Jahre zuvor gibt es erste Anzeichen. Er spürte Erschöpfung, schob es auf die Arbeit, konnte nicht mehr riechen, erklärte es mit einem verschleppten Schnupfen. Und beim Wanderurlaub in Südtirol lief er wie durch Watte, verdrängte auch dieses seltsame Symptom. Doch die Nervenkrankheit, an der in Deutschland etwa 400.000 Menschen leiden, schritt voran. Ausgerechnet beim Meisterschaftsfinale 2021 gegen Stuttgart passierte ihm ein Fehltritt. Vor Freude über den Titel sprang er vom Sitz hoch, stolperte, fiel und riss sich die Quadrizepssehne im linken Oberschenkel, "Stürze sind das Gefährlichste", meint er. Seitdem habe seine Beweglichkeit stark abgenommen. Wolfgang Söllner hadert mit den körperlichen Problemen, aber noch mehr mit den mentalen. Es fällt ihm schwer, das zuzugeben. Als er früher die Stimme im Gerichtssaal erhob, so sagt es ein Kollege über den Anwalt, sei "Ruhe im Karton" gewesen.

Als Mediator ist er weiter gefragt und empfindet eine große Dankbarkeit, nicht zuletzt gegenüber seinen Partnern. Wenn er über seinen Akten vertieft ist, kann er die Krankheit vergessen – bis zum Moment des Aufstehenwollens. Ein Hirnschrittmacher soll helfen.Vom Tremor, der Parkinson auch den Namen Schüttelkrankheit gibt, ist Wolfgang Söllner nicht betroffen. Doch vor allem dieses Einfrieren wie anfangs beschrieben an der Wohnungstür macht ihm zu schaffen – wenn er plötzlich nicht mehr von der Stelle kommt. Auch deshalb lässt er sich im August im Uniklinikum Dresden mit der Tiefenhirnstimulation behandeln – einer Methode, bei der wie eine Art Hirnschrittmacher in den Kopf eingesetzt wird. Manchen Patienten geht es danach so gut wie lange nicht. Bei ihm blieb der große Durchbruch bisher aus, aber noch ist die Einstellungsphase nicht abgeschlossen.


Oft sitzt Wolfgang Söllner zu Hause, grübelt, wie es weitergeht – für ihn, seine Frau, für beide. Mit Anne-Britt, von der er beim ersten Anblick in seiner Kanzlei getroffen war "wie vom Schlag", ist er seit 27 Jahren verheiratet. Als Direktionsbevollmächtigte einer großen Versicherung ist sie viel unterwegs. Ins Büro in die Neustadt oder zum Arzt nimmt er derzeit ein Taxi. Als Student war er selbst Taxifahrer und mag das Gefühl. Ob Wolfgang Söllner jemals wieder Auto fahren kann? Ist ihm nicht mehr wichtig.

Er will einfach nur raus. Das Verstecken hat jetzt ein Ende.


Foto und Text: https://www.saechsische.de/volleyball-dsc-wolfgang-soellner-anwalt-mediator-dresden-krankheit-parkinson-praesidentsaeschsischer-verband-5927699.html

veröffentlicht am Donnerstag, 9. November 2023 um 11:59; erstellt von Peter, Sandra
letzte Änderung: 09.11.23 11:59

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